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Unsere tschadische “Familie in Not”

Seit Ende April sind wir im Intensiv-Support für eine fünfköpfige Familie aktiv. Auf Facebook haben wir seit dem regelmäßig Updates veröffentlicht, da wir die Geschichte und Hintergründe nicht jedes Mal ganz von vorne erzählen können, werden wir das Geschehen hier auf dem Blog zusammenfassen und die bisherigen Facebook-Posts gesammelt veröffentlichen.

Zusammenfassung:

Anfang April kam F., die Cousine unserer sehr engen Freundes Adam, mit ihrer Familie nach Deutschland und beantragte Asyl. Zuvor hatte die Familie als abgelehnte Asylbewerber 1,5 Jahre in Frankreich auf der Straße gelebt. Ursprünglich hatte die Familie in Malta Aufenthalt aus humanitären Gründen erhalten,  nachdem das Geld dort nicht zum Überleben reichte, ging die Familie nach Frankreich, wurde dort abgelehnt, ging nach Deutschland, wurde dort auch abgelehnt und zurück nach Frankreich geschoben. Als F. wieder schwanger wurde, beschloss die Familie wieder nach Deutschland zu gehen.

Die damals im sechsten Monat Schwangere wurde mit ihren drei Kindern und Ehemann dann in der Erstaufnahmeeinrichtung Eisenhüttenstadt untergebracht. Mitte April wurde F. auf Grund schwerwiegender Schwangerschaftskomplikationen erst ins Krankenhaus nach Frankfurt/Oder eingewiesen, dann nach Berlin ins Virchow-Klinikum verlegt. Zu diesem Zeitpunkt haben wir sie und ihre Familie kennengelernt. Der Junge, mit dem F. schwanger war, wurde totgeboren. Einige Zeit zuvor, noch in Frankreich, hatte sich F. mit einem Rötelvirus infiziert. Da sie in Frankreich keinen Zugang zu medizinischer Hilfe hatte, führte die Infektion zu einer Fehlentwicklung des Embryos. Es folgte eine Schwangerschaftsvergiftung und stille Geburt. Am Tag der Entlassung aus dem Krankenhaus wurde der Familie zudem der negative Asylbescheid in die Hand gedrückt und sie wurde massiv unter Druck gesetzt, Deutschland freiwillig zu verlassen. Die Mutter leidet unter schwerster Posttraumatischer Belastungstörung. Die Behörden haben ihr bis heute eine psychologische und psychiatrische Betreuung verweigert. Wir haben gemeinsam mit Xenion e.V. versucht, eine Traumtherapie hier in Berlin zu ermöglichen, warum dies gescheitert ist, erfahrt ihr, wenn ihr unsere Updates lest. Natürlich haben wir auch sofort eine kompetente Anwältin engagiert, leider wurden alle unsere juristischen Interventionsversuche abgeschmettert. Die Familie wurde inzwischen ins Abschiebezentrum Doberlug-Kirchhain (DoKi) verlegt und lebt in ständiger Angst vor Abschiebung. Wir sind seit Monaten im ständigen Austausch mit Asyl in der Kirche e.V., Flüchtlingsrat Brandenburg und KommMit e.V., bisher konnte keine Möglichkeit gefunden werden, der Familie ein sicheres Leben, ohne Angst und Schrecken zu schaffen.

Wir bleiben dran und lassen nichts unversucht!

Alle Updates werden wir künftig auf unserer Webseite veröffentlichen. Wenn ihr mehr Details wissen wollt, dann lest euch die zuerst auf unserer Facebook-Seite veröffentlichten Updates durch.

Wenn ihr uns unterstützen wollt, dann könnt ihr das über Paypal tun, oder uns direkt anschreiben.

Chronologie

26. April 2019

Ihr Lieben,
ihr habt es heute sicher gesehen, es kamen holterdiepolter zwei Hilfsaufrufe auf unserer Seite. Wir wurden mal wieder ins kalte Wasser geschmissen, also eigentlich nur Adam, aber mitgehangen, mitgefangen…

Am Mittwoch bekam Adam die Nachricht, dass seine im sechsten Monat schwangere Cousine in Berlin ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Dazu die schlimme Nachricht, dass entweder Kind oder Mutter sterben müssen und daher das Kind viel zu frühzeitig geholt werden müsste.

Die Familie ist erst seit April in Deutschland und hat zuvor in Frankreich auf der Straße gelebt. Zur Zeit sind sie in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt untergebracht.

Der Ehemann hat sich am Donnerstagmorgen Hals über Kopf mit den 3 Kindern in den Zug nach Berlin gesetzt und vergessen Kleidung mitzunehmen.

Die erste Nacht wurde die Familie in einer WG untergebracht, dort konnten sie aber nicht bleiben. Also haben wir jetzt bis Montag früh eine alternative Notunterkunft gefunden. Wir suchen aber noch für weitere Tage.

Am Montag werden wir auch auf jeden Fall einen Anwalt/ eine Anwältin suchen, damit die Familie nicht zurückgeschoben wird nach Frankreich und dort wieder auf der Straße landet.

Wir haben für das kleine Kind und die Neunjährige schon Angebote für Kleidung bekommen. Für den 12-Jährigen noch nicht, wir schauen aber morgen bei einer Kleidertauschparty für Kindersachen vorbei.

Heute haben wir die Familie mit BVG-Tickets für den Tag ausgestattet und Lebensmittel für abends und Frühstück morgen gekauft.

Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr uns bei der Unterstützung der Familie helft.

Falls ihr ab Montag die Familie für ein paar Tage aufnehmen könntet, meldet euch bei uns. Falls jemand gute Kontakte zu einer Hilfs-Ini in Eisenhüttenstadt hat, auch da wären wir dankbar.

Außerdem:

BVG-Tickets, Einkaufsgutscheine für Lebensmittel oder eine Geldspende würden sehr helfen.

#Neukölln #Flüchtlingewillkommen #wirsindkkunterbunt #Solidarität

27. April 2019

Update
Familie in Not

Mutter liegt nach wie vor auf der Intensivstation. Vater + Kinder sind heute zurück nach Eisenhüttenstadt u. kommen voraussichtlich am Donnerstag wieder.

Am Montag besuchen wir zusammen mit Adam die Mutter und versuchen ein Attest zu bekommen.

Wir konnten heute leider nicht den Sozialdienst in Eisenhüttenstadt erreichen, sobald der Vater wieder dort angekommen ist, hoffen wir, dass wir mit Hilfe des Sozialdienstes mehr erreichen können.

Der Vater hatte Angst, den Heimplatz zu verlieren, wenn er mehr als 3 Tage aus der Unterkunft weg ist.

Wir machen uns jetzt schlau, ob vielleicht auf Grund des Gesundheitszustandes der Mutter eine Verlegung der Familie in die Nähe von Berlin möglich ist.

Wir werden natürlich auch einen Anwalt/eine Anwältin suchen und zeitnah einen Termin vereinbaren, damit wir möglichst schnell die Situation der Familie verbessern, soweit das natürlich unter den gegebenen Umständen möglich ist.

Danke an alle, die bisher geholfen haben.

29. April 2019

Dieser Montag war wohl der beschissenste Montag, den wir bisher erlebt haben.

Morgens ruft der Vater aus Eisenhüttenstadt an und sagt, dass das Baby mit OP geholt werden musste, damit die Frau überlebt. Kind tot. Die Frau war im sechsten Monat, zu früh für Überlebenschancen.

Der nächste Notfallanruf. M. hat Bauchkrämpfe. Also haben wir S. gebeten seine Begleitung zu übernehmen.
“Übergabe” der Fürsorge im Cafe Kotti vereinbart.

Während Christoph und S. beraten, ob Notaufnahme oder Hausärzt*in, bricht plötzlich ein anderer Gast zusammen. Ein Mann ruft den Krankenwagen und geht die Treppe runter um dem Notarzt den Weg zu zeigen.
Alle sind wie gelähmt vor Entsetzen, Christoph, M. und S. bringen den Mann in stabile Seitenlage.

Mehrere Sanitäter u. Notarzt reanimieren den Mann.

Christoph und S. stehen jetzt vor dem Café. Wir nennen es feierlich unser “Freilichtoffice” und natürlich klingelt jetzt auch durchgängig das Telefon. M. der Herr mit den Bauchkrämpfen, kann nicht zur Ärztin, da vor seinen Füßen ein Mensch reanimiert wird.

Jetzt kommt auch der Anfruf, auf den wir die ganze Zeit gewartet haben:

Endlich kann der Vater in Eisenhüttenstadt den sozialen Dienst vom DRK erreichen. Die erklären ihm, er bräuchte ein Attest für seiner Ehefrau um einen Urlaubsschein zu bekommen. Christoph fragt am Telefon nach, die Sozialarbeiterin erklärt ihm, aus Datenschutzgründen (Hasswort) müsste das Attest vom Virchow zur einweisenden Ambulanz nach Eisenhüttenstadt, erst dann gäbe es den Urlaubsschein. Fahrkosten nicht, diese können wir mit Hilfe euer Spenden zum Glück finanzieren, viele andere Geflüchtete können in solchen Fällen nur ohne Ticket fahren.

Brigitte versucht am Telefon den Sozialdienst des Krankenhauses zu erreichen, vergeblich. Über die Telefonzentrale des Virchow wird sie weiter verbunden an eine Info-Zentrale. Dort fehlt ihr das Geburtsdatum der Frau außerdem ist ihr Name in den Krankenhausakten anders geschrieben, als der Vater ihn schreibt. Die etwas ruppige Dame der Infozentrale hat zum Glück irgendwann Mitleid und gibt ihr die Nummer der Station auf der die Mutter liegt.
Brigitte schildert die Situation und bittet darum, das Attest zu schreiben und an die Ambulanz in Eisenhüttenstadt weiterzuleiten.

Dann Krisenmeeting im Cafe Kotti, Brigitte, Christoph, Adam und 2 weitere Notfälle.

Der Automat der Postbank hat die italienische Bankkarte von Abou verschluckt. Postbank rät ihm nach Italien zu fahren und eine neue zu beantragen. Postbankmitarbeiter kommen nicht an den Inhalt der Automaten, da ist eine Fremdfirma zuständig. Wir verbleiben ratlos.

Y. hat Briefe vom Jobcenter bekommen und soll Geld zurückzahlen. JC ging davon aus, dass aus einem Probetag gleich eine langfristige Beschäftigung wurde. Blieb aber bei einem Tag. Jetzt soll er eine Kündigung vorlegen, die die Firma aber nicht rausrückt. Wir erklären uns zu nicht mehr problemlösungsfähig für die nächsten Stunden, nerven stattdessen alle mit Fragen wegen Unterkunft der tschadischen Familie. Auch Y., auch er rückt eine Nummer raus, bei der wir anrufen dürfen.

Etwa 2 Stunden haben wir jetzt Ruhe. Dann wird uns mitgeteilt, dass M. kein schlimmer Notfall mehr ist und von der Hausärztin behandelt wurde. Stattdessen wird jetzt S. zum Notfall, braucht viel Verständnis und Rat…

Abends dann nach gefühlt 20 weiteren Telefonaten dann endlich ein Lichtblick. Drückt die Daumen, mit ein bisschen Glück haben wir morgen eine Zusage für eine Unterkunft für die Familie.

30 April 2019

Update… es bleibt chaotisch

Die gute Nachricht zuerst, wir haben ein Zimmer bis Freitag gefunden.

Die Mutter wird am Donnerstag entlassen, soll sich in 6 Wochen wieder bei einem Frauenarzt untersuchen lassen. Heute mussten Adam und Christoph noch mit Schutzkitteln u. Mundschutz in Krankenzimmer.

Der Iman kommt erst am Freitag, um die Beerdigung zu besprechen. Zu spät, da ist die Mutter nicht mehr im KK, konstatierte die Ärztin. Falls sich jemand mit muslimischen Beerdigungen von Frühchen auskennt, bitte meldet euch bei uns. Uns ist ganz schwindlig vor lauter Fragezeichen, die in unseren Köpfen hin und her schwirren. Wir werden wohl am Donnerstag noch einen Ausflug zu einem Berliner Sozialamt machen müssen, um die Kostenübernahme zu klären. Geht wohl bei in Berlin Verstorbenen, die nicht hier wohnen, nach Sterbemonat.

Termin für die Anwältin haben wir erst für Montag bekommen, dies wäre kein so großes Problem, wenn der Vater heute seinen Urlaubsschein in Eisenhüttenstadt bekommen hätte. Hat er nicht, er hat sich nicht getraut, mit den Sozialarbeiterinnen dort zu reden, morgen ist Feiertag, da arbeiten die anscheinend nicht.

Der morgige 1. Mai war von allen, die zu unserem Netzwerk gehören, schon lange verplant. Ein Teil mit Kuchenverkaufen in der Thomaskirche, da sich zu wenig Freiwillige gemeldet haben, lässt sich das nicht mehr absagen. Ein anderer Teil steht auf dem Oranienplatz, um den neuen Oranienplatz-Refugees-Verein in Gründung vorzustellen, was wiederum Ursache für zuwenige Freiwillige in der Thomaskirche ist. Ein noch anderer Teil hat private Verpflichtungen der absolut unaufschiebbaren Sorte.

Wir werden es irgendwie schaffen, die Familie in die temporäre Unterkunft zu bringen, alles weitere aber frühestens ab Donnerstag klären. Da kein Urlaubschein vorhanden, darf sich der Vater maximal 84 Stunden aus Eisenhüttenstadt entfernen. Bedeutet, er kann nicht durchgängig bis zum Anwaltstermin in Berlin bleiben.

Wann und wie genau die Beerdigung des Kindes sein wird, wissen wir wie oben erwähnt auch noch nicht.

Bevor ihr uns den Ratschlag gebt, den Sozialdienst des KK zu kontaktieren, diese haben wir natürlich versucht. Geht aber niemand ans Telefon und auf die Mailbox gesprochen haben wir auch schon.

Was wir aus der Ferne auch nicht kurieren können, ist die Angst des Vaters vor den Sozialarbeiter*innen vor Ort. Wir haben viele seit Jahren sehr aktive Flüchtlingshelfer*innen gefragt, aber niemand hat einen guten, direkten Kontakt zu Flüchtlingshelfer*innen nach Eisenhüttenstadt. Letztlich bräuchte der Vater jemanden direkt vor Ort um ihn emotional zu unterstützen. Falls jemand einen Kontakt hat, immer her damit.

Eine gute Nachricht noch zum Schluss: Heute hat uns eine sehr liebe Frau neues Spielzeug für die Kinder geschenkt. Bereits am Sonntag brachte sie uns schöne Sachen für die Kinder vorbei.

Es tut gut zu sehen, wie viele Menschen Anteil nehmen. #wirsindmehr.

PS: Es gab heute auch zwei tragisch-komische Episoden. Die “Helden” wollen und sollen aber unerkannt bleiben. Mit genug zeitlichem Abstand werden wir irgendwann ein “Best of” von Oooops-Episoden veröffentlichen. Im Moment wären leider Rückschlüsse auf lebende Personen möglich. Lachen und Weinen liegt oft sehr dicht beieinander, vor allem in der Flüchtlingshilfe.

2. Mai 2019

Kurzes Update zur Familie

Morgen findet die Beerdigung des Kindes statt. Organisiert wurde dies von einem Iman, den der Vater kontaktiert hatte.

Die Mutter wurde heute aus dem Krankenhaus entlassen und ist auf dem Weg nach Eisenhüttenstadt. Wir hätten eine temporäre Bleibe für ein paar Tage gehabt, es war aber Wunsch der Familie, dass sich erstmal der Vater alleine in Berlin um die Familienangelegenheiten kümmert.

Der Vater wird heute Abend ohne Familie anreisen und morgen zur Beerdigung gehen. Christoph und Adam begleiten ihn auf diesem schweren Weg.

Am Montag gibt es dann das erste Treffen mit der Anwältin, die den Fall übernommen hat.

Gestern wurden wir erstmal auf vielen Ebenen ausgebremst, was vielleicht auch ganz gut für uns war.

Inzwischen wissen wir auch, dass die Familie nicht über Italien, sondern über Malta nach Europa kam. Es ist absurd, dass einerseits mit viel Getöse, Geflüchtete aus Malta “aus humanitären Gründen” offiziell nach Deutschland verlegt werden, andererseits Geflüchtete, die eigenständig nach Deutschland eingereist sind, dann nach Malta abgeschoben werden, oder zumindest Angst haben müssen, abgeschoben zu werden.

Wir erleben zunehmend, dass Menschen jahrelang zwischen europäischen Ländern hin und her geschoben werden. Die neuen Abschreckungsgesetze schaffen keine Lösungen, die Menschen sind ja nicht weg, sie werden nur von hier nach dort und zurückgetrieben.

Wir hoffen, dass wir einen Weg finden, dass die Familie endlich ankommen und bleiben darf und lassen uns nicht entmutigen.

PS: Inzwischen konnten wir auch kurz mit dem Sozialdienst des Krankenhauses telefonieren. Die Sozialarbeiterinnen kümmern sich um die Finanzierung der Beerdigung und haben auch den Krankentransport zurück nach Eisenhüttenstadt organisiert und lange mit der Mutter gesprochen. Zumindest an dieser Stelle hatte wir uns zuviel Sorgen gemacht.

4. Mai 2019

Ein Update und ein paar Gedanken

Gestern war ich beim Begräbnis des Kindes. Und ich möchte euch kurz davon erzählen, weil in allem Leid eben auch ein vielleicht sogar überraschender Funke Hoffnung steckt.

Leider war es der Familie nicht möglich, zum Begräbnis zu kommen. Die Mutter wurde am Donnerstag von Berlin nach Eisenhüttenstadt gebracht, nun muss sich der Vater um sie, die sich noch immer sehr schlecht fühlt, und die drei Kinder kümmern. Die Lage könnte trauriger kaum sein. Doch dazu später mehr.

Um 7:30 morgens zu einem Begräbnis aufzubrechen, während in der U-Bahn und in den Straßen der Alltag erwacht, hat etwas Surreales. Um 8:30 dann zusammen mit einem sehr netten Bestatter eine kleine Holzkiste zum Grab zu tragen, ist dagegen erkenntnishaft. Die Ereignisse der letzten Tage bekommen plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes Gewicht.

Ich war erleichtert, dass die wenigen Tschader, die von dem Begräbnis wussten, nicht gekommen waren. Sie alle haben ihre eigenen Ängste und Sorgen, viele haben engste Familienmitglieder oder gar eigene Kinder nicht begraben können, den Tod aus der Ferne erfahren. Dieses Begräbnis hätte nur Wunden aufgerissen, zumal niemand da sein konnte, dem sie Beistand hätten leisten können.

Der Bestatter hatte seinen circa 4 bis 5 Jahren alten Sohn dabei, weil die Kita an diesem Tag geschlossen hatte. Als wir nach der kurzen andächtigen Zeremonie gemeinsam mit einem Angestellten der Friedhofsverwaltung das Grab zuschaufelten, packte auch der kleine Sohn ein wenig mit an. In dieser Szene, die eben nicht nur von der Schwere des Moments beherrscht wurde, lag auch Trost. Weil der Instinkt des Helfens eben an kein Alter und auch an keine Aussicht auf Erwiderung oder Belohnung geknüpft ist.

Diese Einsicht wurde jedoch gleich auf eine harte Probe gestellt. Ausgerechnet gestern erhielt die Familie auch einen negativen Asylbescheid. Laut Vater wurde von Mitarbeitern auch gleich Druck ausgeübt, Unterschriften zu leisten und am besten sofort die Koffer zu packen. Der Vater weiß vor Sorgen nicht mehr weiter, er erzählt, dass seine Frau dauernd an das tote Kind denkt und der älteste Sohn, der die Tragweite aller Geschehnisse bereits begreift, nur noch düster dreinblickt. Morgen treffe ich den Vater, werde mir die Bescheide in Ruhe ansehen, Montag begleite ich ihn dann zur Anwältin.

Wenn ich mir was wünschen darf, dann dass diese Zeilen nicht nur Mitleid oder Zorn auslösen, sondern Ansporn zur Hilfe sind. Ob nun konkret dieser Familie oder halt anderen Menschen in Not. Ein klein bisschen helfen, ein wenig mitanpacken, so wie es der kleine Junge am Grab getan hat.

11. Mai 2019

1000 DANK & 1 große BITTE

Liebe Leute,

in den vergangenen Tagen konnten zumindest wir hier in Berlin ein bisschen durchatmen. Der Familie ist leider keine Ruhe vergönnt. Zwar hat die Anwältin, die wir am Montag getroffen und engagiert haben, sofort einen Eilantrag gestellt, welcher verhindern soll, dass die Familie aus abgeschoben wird, aber in Eisenhüttenstadt machen jetzt die Mitarbeiter der ABH richtig Psychokrieg gegen die Familie um sie zur “freiwilligen” Ausreise “zu überreden”. Laut Aussage der Familie kommt die Polizei jeden Tag in die Unterkunft um Menschen abzuholen, die abgeschoben werden. Die Mitarbeiter der ABH haben wohl mehrfach recht höhnisch gesagt, dass die auch bald dran sind. Diese führt zu einem Leben in permanenter Angst und Panik. Für die notwendige Trauerarbeit ist da kaum Platz, die Mutter denkt permanent an ihr verstorbenes Kind, zu dessen Beerdigung sie noch nicht mal kommen konnte. Psychologische Betreuung vor Ort gibt es nicht.

Abgelehnte Asylbewerber haben leider keine normale Krankenversicherung und können nur sehr eingeschränkt medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Wir sind also bei der Versorgung wieder auf solidarische Angebote angewiesen, diese sind leider nur hier in Berlin und nicht in Eisenhüttenstadt.

Wir haben in Berlin eine tolle Ärztin, die schon seit vielen Jahren illegalisierte Geflüchtete betreut, u.a. auch in der Flüchtlingskirche. Diese Ärztin will alles versuchen, dass die Mutter hier in Berlin die Hilfe bekommt, die sie auch benötigt, sowohl psychologisch, als auch medizinisch. Es ist ein Teufelkreis, ohne ausreichende medizinische und psychologische Betreuung gibt es keine Atteste und ohne Atteste gibt es kaum eine Chance auf eine Duldung.

Dazu muss die Mutter aber regelmäßig nach Berlin fahren und zB hier brauchen wir eure Hilfe. Die einfache Fahrt kostet 13,20 Euro, hin-und zurück also 26,40 Euro. Auch weitere Zahlungen an die Anwältin haben wir schon vereinbart, die mehr als 1500 Euro können freilich in Raten abgestottert werden.

Wir haben den vergangenen 14 Tagen von euren Spenden schon die Anwältin angezahlt, Bahnfahrkarten, BVG-Fahrkarten und Lebensmittel gekauft, bzw der Familie direkt Bargeld gegeben, um sich selbst zu versorgen. Die Spenden, die wir erhalten haben, sind also leider schon ausgegeben.

Wir bitten daher erneut um Hilfe für die Familie.

Nochmals herzlichen Dank an alle, die mitgefiebert und schon geholfen haben! Ob Geld- oder Sachspenden, sie kamen alle wie gerufen.

13 Juni 2019

Liebe Leute, wir waren ein bisschen ruhig auf unserer Seite, aber nicht untätig in der Offline-Welt. Im Moment kommt ziemlich viel zusammen bei uns, privat wie auch in der Flüchtlingshilfe.

Die gute Nachricht: Das Gericht hat jetzt bestätigt, dass solange das Widerspruchsverfahren läuft, die Familie keinesfalls abgeschoben wird. Dies ist eine große Erleichterung. In den Tagen und Wochen nach dem Tod des Babys haben immer wieder Mitarbeiter der Ausländerbehörde die Familie in Angst und Schrecken versetzt und behauptet, sie würden zeitnah abgeschoben, wenn sie nicht freiwillig gingen. Das war emotional gesehen ein Leben auf dem Pulverfass.

Dieser staatlich gewollte Psychoterror hat allerdings seine Spuren hinterlassen. Fatima, die Mutter hat Angst mit den Kindern außerhalb des Zimmers zu spielen und zu lachen, sie glaubt, sie bekäme dann keine Therapie bewilligt. Sie kann weiterhin Nachts nicht schlafen, weil sie immer an ihr totes Kind denken muss und hat Flashbacks wegen in der Vergangenheit erfahrenem Leid und Gewalt. Eisenhüttenstadt ist kein Ort an dem sie zur Ruhe kommen und heilen kann.

Weitere gute Nachricht: Der älteste Junge hat einen Fußballverein gefunden, laut Vater ist er ein sehr guter Spieler mit Ambitionen. Da der Junge bei unserer Begegnung sehr depressiv war, sind wir auch hier erleichtert, dass es für ihn ein Stückchen aufwärts geht.

Bisher nur eine halbe gute Nachricht ist, dass wir bei Xenion eine arabisch-sprachige Psychotherapeutin gefunden haben, allerdings brauchen wir hier noch eine Kostenübernahme. Wir warten wir noch auf einen Arzttermin in Eisenhüttenstadt, da eine Überweisung zur Psychotherapie erforderlich ist. Die Familie hat wie andere Geflüchtete auch in den ersten 15-Monaten keinen richtigen Versicherungsschutz und kann daher nicht einfach so zu Ärzt*innen gehen. Wir haben aber von einer Allgemeinärztin, die die Mutter kostenlos begutachtet hat, ein Schreiben und ebenfalls von einer Sozialarbeiterin von Xenion. Jetzt heißt es Daumendrücken, dass wir die Überweisung/Kostenübernahme bekommen. Erst wenn die Therapie in Berlin beginnt, können wir am Transfer der Familie in eine Unterkunft nahe Berlins arbeiten. Wie immer beißt sich die Katze hier in den Schwanz.

Vor Deutschland hatte die Familie 1,5 Jahre in Frankreich auf der Straße gelebt. Die Zustände dort werden immer katastrophaler, so sahen sich die Eltern jetzt genötigt, sich neue WhatsApp-Nummern zu besorgen. Die beiden sind rund um die Uhr mit Hilferufen aus Frankreich bombardiert worden.

Große Unsicherheit besteht natürlich auch bei uns bezüglich des neuen “Hau ab II”- Gesetzes (Geordnete-Rückkehr-Gesetz). Wahrscheinlich ist die Familie gerade noch rechtzeitig nach Deutschland gekommen. Unsere Arbeit wird aber immer schwieriger. Wir haben einen ja noch andere Geflüchtete, um die wir uns sorgen. Für einen jungen Mann sah es kurz so aus, als könne er in Italien eine Ausbildung beginnen, jetzt ist er wieder da.

Und dann ist da noch unsere private Herausforderung: Wohnung finden. Wir sind wegen Eigenbedarfs gekündigt worden und sollten ab September eine neue bezahlbare Wohnung finden. 2 Zimmer oder 3 Zimmer, weil Adam braucht ab September auch ein neues Zimmer. Wenn ihr was hört, bitte sagt uns Bescheid.

Ansonsten sind wir weiterhin über finanzielle Unterstützung dankbar. Geld für Fahrkarten und die Rate für die Anwältin wären eine Riesenhilfe. Schreibt bitte immer dazu, ob es explizit für die Familie ist, oder unseren allgemeinen Refugee-Support-Topf, wir haben wie gesagt noch ein paar andere Menschen, für die Unterstützung gut wäre. Wenn ihr auch nur für kurze Zeit ein Soli-Schlafplatz anbieten könnt, dann bitte auch immer her damit.

8. Juli 2019

Ernsthaft Leute, je schlimmer die Situation, desto mehr gleichen wir den tollpatschigen Held*innen einer Tragikomödie. Noch können wir über uns selber lachen, noch haben wir auch Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet.

Vor zwei Wochen haben wir leider die Nachricht bekommen, dass die Familie nur bis Ende Juli vor Abschiebung geschützt ist. Mehr hatte der Eilantrag nicht ergeben, wir hatten auf mehr gehofft. Immerhin dachten wir, wir sind nicht ganz unvorbereitet. So waren wir mit Hilfe von Xenion bei einer ehrenamtlich tätigen Psychiaterin, die ein Attest über den Gesundheitszustand der Mutter verfasst hat. Auch die Dolmetscherin wurde von Xenion gestellt. Am Donnerstag drauf sollte dann die erste Therapiestunde für die Mutter stattfinden.

Unser Tagesablaufplan klang wohldurchdacht, so richtig mit Pflicht und Kür und überhaupt. Da kann doch gar nichts schief gehen. Bei unserem tschadisch-deutsch-österreichischem Kompetenzteam sowieso nicht.

So wurde die Mutter erstmal morgens vom Ehemann zum Zug gebracht, um dann kurz nach 10 Uhr von Adam in Empfang genommen zu werden. Beide wollten in einem riesigen Weddinger Afro-Shop alles kaufen, was es in Eisenhüttenstadt so nicht gibt. Um 12.15 Uhr dann die “Übergabe” an mich als weibliches Teammitglied zur Weiterfahrt zur Psychologin. Klingt einfach, oder? Isses aber nicht.

Um kurz nach 10 Uhr kam eben niemand an. Telefonisch konnte auch nicht nachgefragt werden, da an diesem Tag Lyca-Mobile deutschlandweit down. Adam also alleine am Alex. Sein Telefon funktionierte an diesem Tag auch nicht, wie schon erwähnt Lyca down. Immerhin gibt’s am Alex freies W-Lan, nicht überall, aber an manchen Stellen.

Nach erster Panik, dann die Erkenntnis: In Brandenburg brennt der Wald. Züge fahren nicht, Schienenersatzverkehr vielleicht. Wie viel Geflüchtete wohl das Wort Schienenersatzverkehr verstehen, insbesondere, wenn es durch die scheppernden Lautsprecheranlagen schallt. Es vergehen mehr als drei Stunden in denen Adam treppauf, treppab überall mal nachschaut, ob nicht doch irgendwo F. auftaucht. Ihr Ehemann fragt jetzt auch des Öfteren nach, ob die Frau heil angekommen ist. Wir hätten einfach ja sagen sollen.

Eine Stunde vor Beginn sage ich im Therapiezentrum Bescheid, dass wir wahrscheinlich-vielleicht nicht kommen, da Frau auf Grund von Waldbränden irgendwo in Brandenburg verschollen. Das nächste Mal erzähle ich eine Notlüge, ich schwöre. Therapeutin ist sofort sehr besorgt und befragt eingängig die Übersetzerin, wie denn das Gespräch bei der Psychiaterin war. Dies führt zu gelinde gesagt Panik.

Um kurz nach 14 Uhr ruft mich die Therapeutin an und macht mich zur Sau. Ich bei ihr stehe ich jetzt wohl ungefähr auf einer Stufe mit Müttern, die im Hochsommer ihr Neugeborenes im Auto ablegen, um ein Schäferstündchen mit dem Geliebten zu genießen. So in etwa. Ich habe unverantwortlicher Weise eine schwertraumatisierte Person alleine reisen lassen und offensichtlich verloren. Ihr braucht euch meinen Namen nicht mehr zu merken. Ich bin “Die, die Schwertraumatisierte in der Brandenburger Wildnis verliert”.

Kurz drauf meldet sich dann die vermisste F. Christoph sprintet los, Adam sprintet los. Adam ist zuerst da und nimmt sie mit zum Weddinger Afro-Shop da für Therapie eh zuspät. Hatte ich erwähnt das Lyca down war. 1,5 Stunden läuft jetzt Christoph treppauf, treppab denn ganzen Alexanderplatz lang. Kein Funkkontakt zu Adam, keiner zur schon wieder vermissten F.

Mir gefällt plötzlich die Idee zu verantwortungslos für die Flüchtlingshilfe generell zu sein und träume schon davon lieber ein neues Hobby zu suchen, irgendwas verantwortungsloses, ohne Flüchtlinge, Kinder oder Tiere. Figuren aus Überraschungseiern sammeln vielleicht, wobei, selbst die kann man verlieren.

Kurz um: Am gelassensten war unsere zweimal Verlorengegangene, im Gegensatz zu ihrem Ehemann, den das extrem mitgenommen hat.

Heute haben wir dann noch erfahren, dass es erstmal keine Therapie für F. geben wird. Die Therapeutin stuft ihren Fall als zu schwer ein und fährt sowieso erstmal in den Urlaub. Sie Sozialarbeiterin von Xenion versucht Ersatz zu finden.

Wir arbeiten jetzt schon seit über einer Woche mit Hochdruck an Plan B, falls es auf Grund des medizinischen Gutachtens keinen weiteren Schutz vor Abschiebung gibt. Details können wir hier nicht veröffentlichen, wir wissen schließlich nicht, wer so alles mitliest.

Ansonsten kämpfen wir zur Zeit auch viel mit Wachstumsschmerzen. Zahlreiche tschadische u. nigrische Geflüchtete haben in den vergangenen Monaten/im vergangenen Jahr nach langem Kampf endlich Aufenthaltstitel bekommen. Um es kurz zu machen, zitieren wir mal einen Tschader: “Gar nicht so einfach”. Das Leben so in der Legalität hält viele Fettnäpfchen, noch mehr Bürokratie und extrem viel beschissene Zeitarbeitsfirmen parat. Langweilig wird uns zumindest nie.

Und dann ist da noch das Wohnungsproblem, dass auch bei uns immer akuter wird. Wir suchen dringend eine bezahlbare 2 oder 3-Zimmerwohnung ab September. 3 Zimmer wären dann eine Dreier-WG für unser katastrophengeprüftes Kompetenz-Team.

Die Vereinsgründung haben wir daher nach hinten verschoben, erstmal Wohnung finden und “Familie in Not” in Sicherheit bringen.

Tatsächlich brauchen wir im Moment am meisten gute Wünsche, Daumen drücken und positive Vibes. Wenn ihr uns mit ein paar Euro unterstützen wollt, auch da ist Bedarf.

8. August 2019

Stellt euch vor, dass ihr an einem heißen Sommertag, nach markerschüttertenden Erlebnissen, endlich am Community-Treffpunkt Nr. 1 ankommt, von vielen Tschadern freundlich begrüßt werdet, ihr einen kurzen Moment der Erholung u. Erfrischung erhofft und dann sagt die Frau, mit der ihr gerade durch Himmel und Hölle gegangen seid zu euch: “Lass uns wieder gehen, tschadische Frauen dürfen nicht da sein, wo tschadische Männer sind.” Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass in diesem Moment sogar meine Füße geblutet haben. Hitze und neue Sneaker ohne Socken, natürlich meine Schuld. Alles andere sicher nicht, ganz besonders nicht an den Ort zu gehen, an dem sich immer alle treffen, Energie tanken und gemeinsam Probleme lösen. Wobei alle, das ist eben der tschadische “Boy’s Club” + ich (weiblich, deutsch). Das dem so ist, ist keine Schuld der meisten der jungen Tschader, die ich regelmäßig treffe, viele leben in gemischten WGs mit Frauen und LGBTI, die Gruppe derer, die auch Landsfrauen willkommen heißen würde ist, groß und dennoch scheint es unmöglich ein GEMEINSAM! ZUSAMMEN! MITEINANDER! zu leben. Im Tschad gibt es beides: Gemeinschaften in denen Frauen und Männer das Leben zusammen gestalten und Gesellschaften in denen die strikte Geschlechtertrennung gilt. Hier in Berlin gibt es nur eines: Eine reine Männergruppe, keine Frauen-Community. Das bringt mich in die überfordernde Situation, dass ich als deutsche Frau, die weder Arabisch noch Dazaga spricht, plötzlich all das, was fehlt, ersetzen soll. Natürlich werde ich nicht zum ersten Mal mit diesem Problem konfrontiert, aber noch nie zuvor waren die Konsequenzen so drastisch.

Gehen wir mal an den Anfang der aktuellen Ereignisse, bevor wir uns mit dem “warum ist es so, wie es ist” beschäftigen.

Seit 22. Juli tickt sie wieder, die Zeitbombe, bis dahin galt wegen Mutterschutzes der Schutz vor Abschiebung. Natürlich haben wir alles, was wir tun konnten, getan, um möglichst schnell einen Schutz vor Abschiebung zu schaffen. Wir haben VertreterInnen von evangelischer und katholischer Kirche wegen Kirchenasyl angefragt und alles, was wir an medizinischen Attesten hatten der Anwältin, weitergleitet. Kreative “Hinweise” von ungenannter Seite bekommen. Nur wenn die Mutter, keine der anderen tschadischen Mütter kennt, dann wird auch keine Kind für ein paar Tage über Nacht auf eine Pyjama-Party eingeladen… Wenn durch Zufall ein Kind fehlt, dann kann ja nicht hust, hust, die Familie getrennt werden.

Also Änderungsantrag auf den Gerichtsbescheid des ersten Eilantrags läuft und im Moment, so schätzt die Anwältin es ein, gibt es keine akute Abschiebe-Gefahr. Kirchenasyl wurde erstmal nicht gewährt. Erstens ist es wahnsinnig schwierig, 5 Menschen unterzubringen, zweitens dauern Kirchenasyle inzwischen 18 Monate und solange es eine kleine Hoffnung gibt, die Situation auf anderem Wege zu lösen, rieten die Verantwortliche von Asyl in der Kirche ab, die Ultima ratio zu nutzen. Immerhin haben wir eine tolle Kirchenfrau in Eisenhüttenstadt gefunden, die vor Ort der Familie beim Übersetzen von Schreiben und Ausfüllen von Formularen hilft, sie wird auch einen weiteren Anlauf starten eine therapeutische und psychiatrische Hilfe direkt in Eisenhüttenstadt zu veranlassen. Bei unserem ersten Anlauf, der bis hoch zur Ambulanz- und der Lageleitung eskaliert wurde, blieben wir ohne “Überweisungsschein”/Kostenübernahme zurück.

Sehr ins Zeug gelegt, haben sich die tollen Menschen von XENION – Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte e.V. . Die erste Trauma-Therapiesitzung scheiterte ja wie berichtet an Waldbränden, dann sprang die Therapeutin ab, jedoch wurde dann eine neue gefunden.

Leider löste die erste Therapiesitzung dann den schon oben angerissenen Horror-Tag aus. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen um die Privatsphäre zu schützen: Sobald ich als Schutzperson nicht mehr mit ihm Raum bin und schwierige Themen angesprochen werden, gerät F. in einen extrem besorgniserregenden Zustand. Kaum war sie aus der Situation wieder raus und ich wieder da, ging es wieder, allerdings saßen wir dann schon in einem Rettungswagen auf dem Weg in die Ambulanz eines Psychiatrischen Krankenhauses.

Sowohl Therapeutin als auch Psychiater im Krankenhaus waren sich einig, von Eisenhüttenstadt aus kann keine Therapie in Berlin stattfinden, das Ganze muss wohnortnah geschehen.

Im Anschluss half uns die fantastische Ärztin Thea Jordan noch in der Flüchtlingskirche bei einer physischen Erkrankung (starke Wassereinlagerungen), auch bei diesem medizinischen Problem hatte die Ambulanz in Eisenhüttenstadt Hilfe verweigert.

Von dort ging es dann zu Fuß weiter an den Ausgangspunkt dieses Posts. Adam wartete da auf uns und etliche seiner Freunde. Aber wir durften nicht da bleiben und das war nicht die Entscheidung der Männer vor Ort, die waren sehr herzlich und willkommenheißend. Nach dem F. mich dann noch leicht rügend fragte, wie lange denn Primark am Alexanderplatz auf hätte, habe ich die weitere Begleitung an ihren Cousin delegiert. Auch dieser kauft dort ein, ich nicht, also noch nicht, wenn einem jemand das Politisch-korrekt-Sein austreiben kann, dann unsere geliebten TschaderInnnen. Das nächste Mal, wenn ich fast pleite bin und meine Lieblingsjeans platzt, gehe ich auch dahin. Wallah, isch schwöre.

Während also Adam + besten Freund (auch ein Adam) und Cousine Richtung Alexanderplatz fuhren, lief der Rest der Truppe zum wöchentlichen Treffen der Thomaskirche und ich beklagte mich bei jedem einzelnen mehrfach über die Abwesenheit der tschadischen Frauen. Jeder Einzelne erklärte mir, das sei schwierig mit den tschadischen Frauen, aber sie selber, sie hätten ja keine, die sie mitbringen könnten, außerdem hätten sie selber sich mehrfach beklagt, dass die Frauen nicht mit zu den Demos kämen. Insbesondere da die sudanischen Refugees so tolle weibliche Aktivist*innen haben. Einer der Herren, der von Beruf so ne Mischung aus Theaterkünstler und Aktivist ist, machte dann den grandiosen Vorschlag, ich solle doch einen Workshop mit den tschadischen Frauen machen. Toll, sagte ich, ich soll also mit Frauen, die nicht da sind und deren Sprache ich nicht spreche, einen Workshop machen? Ich glaube Mann hatte mir da die Oranienplatz-Variante von: “Wenn man nicht weiter weiß, bildet man einen Arbeitskreis” geliefert.

Es ist irgendwie ein schizophrene Situation, in der viele die Frauen vermissen und es doch nicht möglich ist, sie dazu zu holen. Welche Auswirkungen das auf die Einzelne hat, möchte ich an einem anderen Beispiel kurz anreisen.

Vor ein paar Wochen fragte uns ein junger Tschader, der sich immer als communityinterner “Sozialarbeiter” um Landsleute kümmert, um Rat für eine in Trennung lebende tschadische Frau mit Kindern. Schnell hörten wir von anderen, die Frau sei böse, auf unsere Frage, ob den jemand die Frau kenne, wurde geantwortet, nein, nicht die Frau, aber den Mann und der sei sehr nett. Da wir über unsere Kapazitäten belastet sind, haben wir dann zugesichert, eine Beratungsstelle im zuständigen Landkreis zu finden. Es ist ja auch dieser Frau aus bereits genannten Gründen nicht möglich einfach mal zu einem der Community-Treffen zu kommen. Nach dem sich 4 Beratungsstellen als nicht zuständig erklärt haben (Budget-Krieg Potsdam und Potsdam-Mittelsmark), bekamen wir dann eine Mail von einer Hauptamtlichen, sie berichtete u.a. davon, dass die Frau Angst habe mit anderen TschaderInnen in der gleichen Unterkunft zu leben. Offensichtlich hat ihr super netter Ex es geschafft, da im reinen Männerclub massig Stimmung gegen sie zu machen. Da sie 6 Monate in einer Zufluchtswohnung des Frauenhauses in Potsdam lebte, ahnen wir, dass der Ex-Mann nicht ganz unschuldig an den Eheproblemen ist. Achso, Wohnsitzauflage gilt bei ihr für Potsdam-Mittelsmark, daher niemand so richtig zuständig, Chaos und wir mussten uns komplett ausklinken.

Wenn ein tschadischer Mann uns um Hilfe fragt, dann übernehmen wir einzelne Tasks und die Mitglieder der Community andere, zum Übersetzen steht auch immer jemand bereit. Bei tschadischen Frauen fehlt all dies. Warum ist das so?

1. Es gibt viel weniger Frauen als Männer, wir schätzen, dass auf 25 Männer nur eine Frau kommt.

2. Die tschadischen Geflüchteten werden alle nach Brandenburg verteilt und landen dann in kleinen Gemeinden und Städten, dadurch wird generell Vereinzelung und Vereinsamung verursacht.

3. Die Frauen, die hier sind, haben meist mehrere Kinder und sind wenig mobil. Wir kennen einige Ehemänner, die eine Monatskarte nach Berlin haben, die Frauen bleiben dann jedoch mit den Kindern alleine in der Unterkunft und haben dort meist auch keine anderen Landsfrauen, um eine Community aufzubauen.

4. Alleinstehende Männer finden eher improvisierte Unterkünfte/Solizimmer. Die tschadische Community in Berlin hat sich durch das Oranienplatz-Protest-Camp gegründet und war von Beginn an ein “Männerverein”, viele unserer Freunde haben trotz Wohnsitzauflage in Brandenburg in Berlin leben können.

5. Vor 2012 sind kaum TschaderInnen nach Deutschland migriert, dies begann erst durch den Libyen-Krieg und war eine erzwungene Migration.

6. Die meisten unserer tschadischen Freunde u. Bekannte gehört zu den Toubou, deren Ursprungs-Tradition Frauen eine sehr starke, fast egalitäre Rolle zuweist, jedoch wurde diese Kultur an vielen Orten ausradiert und durch den saudi-arabischen Wahabismus mit strikter Trennung der Geschlechter ersetzt. Saudi-Arabien hat sehr viel Geld in Moscheen und Imame gesteckt und weite Teile Nord-Tschads “kolonialisiert”.

7. Die meisten tschadischen Geflüchteten bekommen in Deutschland bestenfalls eine Duldung, das Ohnmachtsgefühl der eigenen Situation gegenüber wird von Ehemännern oft dadurch kompensiert, dass sie Herrscher über die eigene Familie werden. Ein Beispiel: Wir kennen einen Mann, der mit Hilfe seiner italienischen Papiere und finanzieller Unterstützung durch unsere Freunde, seine Frau nach D gebracht hat. Im Tschad hat sie, sehr gebildet, in einer Bank gearbeitet. Hier in D hat sie kaum das Zimmer des Flüchtlingsheims in Brandenburg verlassen und selbst diejenigen, die geholfen haben, dass sie nachziehen konnte, haben sie oftmals nie persönlich kennenlernen durften. Die Frau hat wirklich direkt nacheinander 2 Kinder bekommen und hat wohl auch zu anderen Tschaderinnen, die mit Mann und Kindern in der gleichen Stadt leben, keinen Kontakt. Ihr Mann ist fast täglich in Berlin.

In der Situation, so wie sie ist, leben also die Frauen isoliert voneinander und der Zugang zur Community ist ihnen verwehrt. Viele der Männer, die in Brandenburg leben, kommen aber zumindest freitags nach Berlin.

Wir hatten mit einem Teil unserer tschadischen Freunde schon seit langem geplant, auch Feste stattfinden zu lassen, bei denen insbesondere auch Familien aus Brandenburg eingeladen werden. Da kamen uns jedoch in diesem Jahr “die Familie in Not” und unsere Wohnungssuche (Kündigung wegen Eigenbedarf) dazwischen. Wir wissen noch nicht, wie oder ob wir in Zukunft einen Weg finden werden, dass auch Frauen teilhaben können/dürfen. Im Moment spüren wir einfach sehr, wie sehr die Frauen fehlen. Von Beginn an, schon als Adams Cousine im Krankenhaus lag, hätten wir uns gewünscht, dass eben auch tschadische Frauen da sind, die helfen die Situation zu bewältigen und F. mental zu stützen.

13. August 2019

HILFE!

2 psychiatrische Gutachten, eine ausführliche Stellungnahme einer Psychotherapeuten und das Gericht sagt: Nicht glaubwürdig, die Frau ist nicht schutzbedürftig. Zudem verweist das Gericht auf die angeblich super-tolle medizinische Versorgung in Frankreich.

Zur Erinnerung: In Frankreich hatte die Familie 1,5 Jahre auf der Straße gelebt. Dort hatte sich die schwangere Frau mit Röteln infiziert, dort hatte sie keine medizinische Versorgung bekommen. Auf Grund der unbehandelten Rötel-Infektion der Mutter hatte sich der Fötus fehlentwickelt. Am 1. April kam die Familie hilfesuchend nach Deutschland und bat um Asyl. In der letzten Aprilwoche kam es zu schwerwiegenden Schwangerschaftskomplikationen. Die damals im sechsten Monat schwangere wurde erst ins Krankenhaus nach Frankfurt/Oder gebracht und dann ins Virchow Krankenhaus nach Berlin verlegt. Dort konnte nur eine Totgeburt des Kindes das Leben der Mutter retten.

Nicht nur der Tod des Kindes, sondern auch viele schreckliche, traumatisierende Ereignisse zuvor haben die Mutter psychisch schwer erkranken lassen. In der Ambulanz der Erstaufnahme Eisenhüttenstadt wurde ihr die psychiatrische/psychologische Behandlung verweigert nach dem Motto: Die ist einfach nur schlecht drauf.

Wir haben mit XENION – Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte e.V. zusammen versucht doch eine Psychotherapie möglich zu machen.

Die Anwältin hat sämtliche Atteste vor Gericht vorgelegt um einen Schutz gegen Abschiebung zu erwirken. Die rechtlichen Möglichkeiten sind alle ausgereizt.

Wir bekommen die Nachricht zu einem Zeitpunkt, zu dem alle Hilfsstellen (Asyl in der Kirche e.V. etc) mit denen wir bisher Kontakt hatten, schon im Feierabend sind.

Wir müssen jetzt improvisieren. Dazu brauchen wir mal wieder eure Hilfe.

15. August 2019

Unsere “Familie in Not” ist auch betroffen und soll in eine der Außenstellen verlegt werden, um dann von dort aus abgeschoben zu werden.

Wir arbeiten an Plan B und C, natürlich.

Künftig dann 2 Stunden Fahrzeit und entsprechende Fahrtkosten um Hilfe in Berlin zu erhalten.

Diese Anker-Zentren haben immer eine eigene Ambulanz, die Geflüchteten keine Krankenversicherung. Unserer “Mutter in Not” wurde dort mehrfach Hilfe verweigert. Zuletzt wegen starker Wassereinlagerungen (Nachwirkung der Schwangerschaft mit Totgeburt). Die tolle Ärztin Thea Jordan aus der Flüchtlingskirche hat ihr dann Medikamente gegeben.

20. August 2019

Update Familie in Not

Es ist für uns ein bisschen ein Spagat, einerseits möchten wir euch auf dem Laufenden halten, schließlich haben die Familie und wir in unserem Support von euch so viel an Unterstützung und Anteilnahme an dem Schicksal erfahren. Andererseits wollen wir natürlich öffentlich nicht zu viel aus dem Nähkästchen plaudern.

Die vergangenen Tage haben uns vor allem etwas aufgezeigt, nämlich dass dieses Leid und die gefühlte Hilflosigkeit so allgegenwärtig ist, dass es uns sogar in den Schlaf verfolgt. So nah lassen wir Hilfe im Regelfall nicht an uns ran. Aber der emotionalen Verbundenheit kann man sich halt ganz schwer entziehen, wenn man den Sarg mit dem toten Kind zum Grab getragen hat.

Am Montag wurde die Familie in das Lager Doberlug-Kirchhain ganz im Süden Brandenburgs verlegt. Damit ist sie noch mehr von gesundheitlicher Versorgung abgeschnitten. Das behaupten wir nicht einfach so, das ist der Tenor eines Facebook-Posts des Flüchtlingsrat Brandenburg:

“Die rot-rote Koalition Brandenburgs hält ohne Not an der Erstaufnahme in Doberlug-Kirchhain fest. In Zukunft sollen in der EAE vor allem Menschen, die im “DUBLIN Verfahren” sind, irgendwo im Nirgendwo isoliert werden bis sie ihr Asylverfahren in einem anderen EU-Staat durchführen können. Doch nicht selten ist eine Überstellung nicht sofort möglich.”

Der Zugang zu Regeldiensten und Unterstützungsstrukturen ist von diesem Standort nur unzureichend gewährleistet. Kinder im Kita-Alter werden auf dem Gelände betreut und haben keinen Zugang zur Kita in der Stadt. Den Erwachsenen bleibt lediglich der von Ehrenamtlichen organisierte Deutschkurs. Ein Fahrt ins benachbarte Sachsen ist ohne Genehmigung der Ausländerbehörde nicht möglich. Die gesundheitliche Versorgung ist unzureichend.

“Wir sind empört, dass die Landesregierung kurz vor den Wahlen solch integrationsfeindliche Maßnahmen ergreift und unter dem Deckmantel der Erstaufnahme ein Ausreisezentrum schafft”, so Katharina Müller vom Flüchtlingsrat Brandenburg.

Wir fordern die sofortige Schließung des desintregierenden Standorts! Familien mit minderjährigen Kindern und andere besonders Schutzbedürftige sind in geeigneten Wohnungen unterzubringen! Ein Zugang zu Deutschkursen für alle unabhängig vom Herkunftsland und Aufenthaltsstatus!”

Dieser Transfer nach Doberlug-Kirchhain ist also doppelt bitter. Die Familie wird weiter von allen Gesundheitsangeboten abgeschnitten, zudem wird in diesem Ausreisezentrum die Abschiebung nach Frankreich vorangetrieben. Es ist zum Heulen! Falls uns nun jemand aufmunternd das Wort Kirchenasyl zurufen will, dann möchten wir nur so viel sagen, dass wir uns in dieser Hinsicht schon die Finger wund getippt haben. Vorerst noch ohne vielversprechende Rückmeldung.

„Man darf nicht verheimlichen, dass wir, der Staat, hier so etwas wie strukturelle Gewalt den Geflüchteten gegenüber ausüben.“ Das gibt Dietmar Loose, Leiter der vom DRK im Auftrag der ZABH betriebenen Erstaufnahmestelle, zu. So steht es in einem Artikel über Doberlug-Kirchhain in der Lausitzer Rundschau (https://www.lr-online.de/…/doberlug-kirchhain-neues-profil-…).

Wenn man solche Sätze liest, möchte man sich die Zustände in diesem Camp, all die Verzweiflung und Frustration, gar nicht ausmalen wollen. Die Familie hat den gestrigen Transfer erstaunlich gut verkraftet, wir haben abends mit der Familie länger telefoniert. Wir haben ein bisschen Angst, dass dies vor allem daran liegt, dass sie großes Vertrauen ins uns setzt. Natürlich werden bis zum Umfallen kämpfen, nichts unversucht lassen, zugleich wird uns zunehmend die Illusion genommen, dass sich der Rechtsstaat an seine eigenen Regeln hält.

Werden wir mal kurz grundsätzlich. Was fällt dahergelaufenen Richtern irgendwelcher Verwaltungsgerichte eigentlich ein, medizinische Bescheinigungen, von denen es zB im konkreten Fall einige eindringliche gibt, einfach so vom Tisch zu wischen und als für ein medizinisches Reisehindernis nicht ausreichend abzutun? Gerichte, die Expertisen unberücksichtigt lassen, handeln grob fahrlässig. Wie könnte man dem begegnen? Eine stärkere Haftung von Beamten und Gerichten bei fehlerhaften Bescheiden und Urteilen würde dafür sorgen, dass die Nichtberücksichtigung von Fachmeinungen Konsequenzen hätte.

Wir haben am Montag freilich auch einmal laut gelacht. Als der Familie nämlich zum Abschied aus Eisenhüttenstadt noch ein Brief von der Berliner Feuerwehr ins Haus geflattert ist. Knapp 300 Euro soll die Familie dafür zahlen, dass die Therapeutin in Berlin vor 2 Wochen im Rahmen einer Sitzung die Rettung rief, weil die Mutter der Familie so starke Dissoziationen hatte, dass der Therapeutin eine sofortige Behandlung im Krankenhaus geboten schien. Da die Familie über keine reguläre Krankenversicherung verfügt, sondern die medizinische Behandlung ausschließlich über nicht rausgerückte Behandlungsgutscheine läuft, ist besagtes Tatütata eben nicht von der Krankenversicherung gedeckt. Diese 300 Euro jucken uns im Moment freilich wenig, der Support der Familie, die Anwaltsraten und die auch in Zukunft anfallenden Fahrtkosten setzen uns da mehr zu.

Was also wollen wir euch mit diesem Update mitteilen? Dass die Lage kompliziert ist, dass viel Bemühen in Sackgassen mündet, dass aber auch die Hoffnung zuletzt stirbt. Doberlug-Kirchhain muss nicht der Anfang vom Ende sein.

30. August 2019

1001 Telefonate für “Familie in Not”

Wir waren diese Woche alles andere als faul. Tatsächlich haben wir bis in die tiefsten Winkel von Brandenburg telefoniert, sind von A nach B bis hin zu Z verwiesen worden. Alles auf der Suche nach einem Kirchenasyl. Wir haben mit dem Flüchtlingsrat Brandenburg Kriegsrat gehalten und wir haben der KommMit e.V. Flüchtlingsberatung in DoKi alle wichtigen Infos zur “Familie in Not” zukommen lassen. Wir haben am Telefon Treffen des Familienvaters mit der Beraterin begleitet und wir haben viele, viele Emails geschrieben.

Dann ist da noch die Petition an den Deutschen Bundestag, an der wir arbeiten…

Beim Thema Kirchenasyl kommt was in Bewegung, allerdings komplizierter, als wir uns das gewünscht hätten. Drückt die Daumen. Mehr dazu können wir hier, aus wohl verständlichen Gründen, nicht öffentlich schreiben.

Plan A ist aber noch ein anderer und da sind wir und der Flüchtlingsrat Brandenburg gerade dran.

14. September 2019

Was ist ungefähr so angenehm wie ein schmerzhafter Zahnarztbesuch? Nein, nicht der Kontakt mit Ämtern und Behörden! Es geht vielmehr um Gespräche mit MitarbeiterInnen, die für kirchliche Einrichtungen tätig sind. In den letzten Wochen gab es gleich zwei Mal Begegnungen und Telefonate, in denen mein Gegenüber kaum ein Mindestmaß an guten Willen an den Tag legte. Als jemand, der selbst katholisch sozialisiert ist und bis heute der Meinung ist, dass ohne Caritas, Diakonie und Co. die Gesellschaft am Arsch wäre, finde ich es doch problematisch, wenn höflich vorgebrachte Anfragen sehr brüsk abgewiesen werden. Natürlich sind die Ressourcen auch im kirchlichen Bereich aufgrund der zunehmenden Säkularisierung immer überschaubarer, natürlich mangelt es nicht an Frustrationen, die auf die Laune schlagen. Es ist trotzdem verdammt bedauerlich, wenn Leitbilder im Alltag nicht gelebt werden (können). Dass es auch ganz anders geht, zeigt zum Beispiel die Pfarre St. Christophorus, deren Kontakte und Know-how uns bei der Suche nach einer guten Lösung für unsere Familie in Not sehr geholfen und vielleicht schon bald ans Ziel gebracht haben.

Wisst ihr, wer auch wirklich dufte ist? Der Flüchtlingsrat, sowohl der Flüchtlingsrat Berlin als auch der Flüchtlingsrat Brandenburg. Obwohl wir ja mittlerweile alte Hasen in der Unterstützung Geflüchteter sind, haben wir mit beiden erst dieses Jahr Kontakt. Wie sehr der Flüchtlingsrat nicht nur gesellschaftspolitisch aktiv ist, sondern auch in Einzelfällen mit Rat und Tat hilft, ist wirklich vorbildlich. Daumen hoch!

Was nur wäre das Internet ohne Besserwisserei und Selbstüberschätzung? Zweifelsohne viel überschaubarer. Wir möchten euch freilich versichern, dass wir uns, unsere Möglichkeiten der Hilfe und unsere Kritik stets hinterfragen. Wir agieren hoffentlich nie leichtfertig. Apropos leichtfertig. Ist der Ruf mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Dieser Attitüde scheint die SPD in Berlin mittlerweile geradezu verpflichtet. Noch-Bürgermeister Müller will also den Karstadt-Umbau auf Biegen und Brechen umsetzen. Und wenn das Projekt dann krachend scheitert, wird er längst Politik-Pensionär sein. So wie ja auch Wowereit die ganze BER-Posse vom Altenteil aus betrachten darf. Die Aufwertung des Hermannplatzes soll dank Heilsbringer Benko erfolgen. Ein windiger Investor und eine Partei ohne Gespür für die Belange von Bürgern, was kann da schon schiefgehen? Einiges! Stadtentwicklung und Größenwahn zeitigen nur selten gute Resultate. Mehr dazu hier: https://www.tagesspiegel.de/…/nach-schelte-vo…/25012862.html

Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit. Eines unserer Lieblingslieder von Tocotronic. Und dazu ein durchaus tröstliches Motto, wenn gut gemeinte Dinge nicht so funktionieren, wie sie funktionieren könnten. Wir persönlich hatten sowohl vor zwei Wochen beim 5. Tausch- und Sperrmüllfest in der Schierker Straße als auch gestern beim Aktionstag „Neukölln – fair & engagiert“ den Eindruck, dass die sehr unterstützenswerte Kampagne Schön wie wir eher überschaubaren Zuspruch erhält. Dabei sind die Intentionen dahinter so gut, dass solche Veranstaltung so viel mehr sein sollten als Photo-ops für Herrn Hikel (https://www.facebook.com/…/pcb.9537915849…/953789851626628/…). Schon heute steht das nächste Sperrmüll- und Tauschfest an, diesmal an der Ecke Sasarsteig und Reuterstraße. Bitte schaut euch das an!

Wer sehnt sich nicht nach guten Nachrichten? Tatsächlich ist der neue Verteilungsschlüssel für im Mittelmeer gerettete Menschen ein wichtiger Schritt. 25 Prozent aller übers Mittelmeer nach Italien ankommenden Geflüchteten sollen in Zukunft automatisch in Deutschland aufgenommen werden. Dieser Deal wurde möglich, weil Salvini aus der Regierung geflogen ist. Doch bevor wir jetzt alle in Jubel ausbrechen, sollten wir uns Realität nochmals genauer anschauen. 1. Diese Regelung gilt nur für Menschen, die in internationalen Gewässern aufgegriffen werden. 2. Es werden weiterhin private Rettungsschiffe sein, die die Seenotrettung schultern müssen. Erfreulicherweise hat der EKD diese Woche angekündigt, ein Schiff finanzieren zu wollen. 3. Nur weil Geflüchtete die Überfahrt überlebt haben und nun nach Deutschland kommen, heißt das noch lange nicht, dass sie nun nicht im Hau-ab-System mit Ankerzentren untergehen. Kurzum, es besteht kein Grund, Seehofer als Humanisten abzufeiern. Siehe: https://www.spiegel.de/…/seenotrettung-deutschland-will-ita…

Zu guter Letzt: Wir suchen für einen Geflüchteten ein gebrauchtes Handy. Seit altes ist kaputt gegangen, derzeit quält er sich mit einem Galaxy Mini aus der Smartphone-Steinzeit herum. Nachrichten kommen auf dem Gerät arg verzögert an, was für ihn, der gerade eine Arbeit angefangen hat und bei seinen Arbeitszeiten ziemlich flexibel sein muss, natürlich besonders ärgerlich ist. Wenn ihr also zB ein Smartphone mit Spider-App herumliegen habt, meldet euch doch bitte.

Ein schönes Wochenende wünscht euch Christoph.

22. September 2019

Wenn du einen Moment lang nicht aufpasst, fickt dich das System. Mit Genuss sogar. Dabei schien eigentlich alles gut. In den vergangenen 12 Monaten habe ich den Geflüchteten A. mehrmals zum Anwalt und auf Behörden begleitet. A. hatte bis 2018 eine mehrjährige Aufenthaltserlaubnis. Als er diese letztes Jahr verlängern wollte, kam die zuständige Ausländerbehörde in Brandenburg plötzlich auf die Idee, dass die Aufenthaltserlaubnis eigentlich nicht hätte erteilt werden dürfen. Und deshalb bekam A. nur eine Fiktionsbescheinigung ausgestellt. Nach ein paar Anwaltsterminen und Vorsprachen in der Botschaft des Heimatlandes schien plötzlich alles gut. Und so fuhren A. und ich an einem schönen Junitag in die brandenburgische Pampa, um die Details vor Ort zu klären. Alles schick, hieß es da. In den nächsten Wochen würde ein Brief ins Haus flattern, dann könne die neue Aufenthaltserlaubnis abgeholt werden. A. war happy. Zur gleichen Zeit ergab sich die Möglichkeit, ein relativ günstiges Zimmer in Berlin nur unweit seines Arbeitsplatzes zu beziehen. Und damit ihn der Brief auch sicher erreichen würde, teilte er seine Anmeldung in Berlin der Ausländerbehörde brav mit. So viel Eigeninitiative wird von deutschen Behörden natürlich bestraft. In einem Anfall von Arbeitswut wurde A.s Akte samt Zuständigkeit von Brandenburg nach Berlin verfrachtet, wo sie nun im LABO wohl dahinmodert, bis durch ein persönliches Vorsprechen die Bearbeitung des Antrags von vorn beginnt. Was so ein kleines Missverständnis über eine vermeintlich gestrichene Wohnsitzauflage also anrichten kann! Nachdem mich Freitag die Hiobsbotschaft des Anwalts erreichte, überlege ich jetzt schon die ganze Zeit, wie ich A. dies alles erklären soll. Es wird nicht einfach werden…

Seit meiner Zeit als Zivi in einem Flüchtlingsheim hab ich eine Macke. Kein Wehwehchen eines Geflüchteten kann klein genug sein, um mich nicht in Alarmbereitschaft zu versetzen. Und das kam damals so. An einem schönen Sonntag vormittags, der Dienst – ich mutterseelenallein mit circa 50 Bewohnern – hatte gerade angefangen, kam ein junger Mann aus Nigeria ins Büro und bat mich um Verbandszeug. Er war erst ein paar Tage im Lande, neu in der Unterkunft. Er hat einen Finger bandagiert, ich bot mich an, ihn neu zu verpflastern. Was tut man nicht alles, um einen kleinen Kratzer zu versorgen. Als der junge Mann den Verband entfernte, war das Entsetzen freilich groß. Mindestens die Hälfte des Ringfingers war tiefschwarz, abgestorbenes Gewebe. Ich ließ alles liegen und stehen, machte das Büro dicht und düste mit ihm in die Notaufnahme. Der junge Mann hatte noch keinen Krankenversicherungsausweis, ich musste mit dem Personal gegenüber also erst die Dringlichkeit erklären. Danach flitzte ich zurück in die Unterkunft und harrte der Dinge. Gegen Ende meines Arbeitstage kam der junge Mann aus dem Krankenhaus zurück. Trotz dickem Verbands sah man, dass ihm zwei Glieder seines Fingers amputiert worden waren. Das tat mir richtig leid. Wie ich gerade auf diese alte Geschichte komme? Als mir letztes Wochenende ein Geflüchteter mitteilte, dass schon ein paar Tage lang sein „Fuß nicht gesund“ sei, habe ich das keineswegs auf die leichte Schulter genommen, sondern mir das Problem gleich am nächsten Tag persönlich angeschaut. Schnell war klar, dass hier keine Amputation drohte. Der Gang zum Orthopäden verbunden mit für Berliner Verhältnisse gerade mal läppischen 2 Stunden Wartezeit brachte Klarheit, es war nur ein Bruch des Mittelfußes. Die nächsten 4 Wochen wird er nun mit einem Walker zum Deutschkurs humpeln. Es soll nichts Schlimmeres passieren.

Wir arbeiten natürlich weiter fieberhaft daran, dass sich die Situation der Familie in Not verbessert. An Problemen mangelt es nicht. Es ist auch ein Wettlauf gegen die Zeit, eine Abschiebung scheint jeden Tag möglich. Zugleich haben wir gerade diese erste positive Signale bekommen, dass sich das Erzbistum Berlin fürsprechend engagieren möchte. Wir haben an dieser Stelle letzte Woche auch beklagt, dass wir manchmal mit ernüchternden, von Abwehrhaltung geprägten Gesprächen mit VertreterInnen kirchlicher Einrichtung zu kämpfen hatten. Es geht aber auch anders, vor allem der Flüchtlingskoordinator des Erzbistums unterstützt sehr mit all seinem Know-how und öffnet Türen. Noch ist nichts in trockenen Tüchern. Jetzt heißt es noch ein wenig durchhalten – und ganz viel hoffen!

Einen schönen Restsonntag wünscht euch Christoph.

25. September 2019

Update Familie in Not

Unsere Familie aus dem Tschad steckt im Fegefeuer des Wartens fest. Und wir mit ihnen. Was das Gefühl der Ungewissheit so quälend macht, ist der Umstand, dass wir tagaus, tagein Klinken putzen, hier anfragen, dort nachhaken. Ehrlich gesagt hatten wir uns die ganze Sache viel leichter vorgestellt. Hätte uns jemand Ende April, als wir mit dem Schicksal der Familie konfrontiert wurden, prognostiziert, dass ein totes Kind in einem Sarg halt kein Abschiebehindernis darstellt und jede Bemühung um Hilfe – Stichwort Kirchenasyl – oft an BedenkenträgerInnen scheitert, hätten wir ungläubig den Kopf geschüttelt. Aber fassen wir mal die jüngsten Entwicklungen zusammen.

Die Familie harrt noch immer im südbrandenburgischen Doberlug-Kirchhain, einem Abschiebelager für Dublin-Fälle, aus. Auf Vermittlung des Flüchtlingsrats Brandenburg versprach der Leiter der Zentralen Ausländerbehörde, dass der Gesundheitszustand der Mutter von einer Psychiaterin überprüft und dann gegebenenfalls eine Verlegung an einen Ort mit besserer medizinischer Versorgung geprüft werde. Davon hatten wir uns ein bisschen etwas versprochen. Aber Pustekuchen. Die Mutter wurde gestern quer durch Brandenburg in irgendeine psychiatrische Sprechstunde gekarrt, wo die Untersuchung dann innerhalb weniger Minuten abgehandelt wurde. Wir würden euch so gern das Protokoll des Vorgangs zeigen, weil es in seiner Oberflächlichkeit so entlarvend ist. Das Resultat ist immerhin, dass die Tabletten, die der Mutter von einer Ärztin, die wir aufgetrieben hatten, mitgegeben wurden, nun immerhin offiziell verschrieben wurden. Die Mutter darf sich jetzt jede Woche ihre Ration in der Ambulanz im Lager abholen.

In dem für mehr als 1000 Menschen ausgelegten Erstaufnahmezentrum wird übrigens der Begriff Ambulanz eher großzügig interpretiert. Wie mir eine Beratungsstelle vor Ort bestätigt hat, sind ÄrztInnen dort nur an manchen Tagen anzutreffen. Im Lager scheint es überhaupt eher streng zuzugehen. Bei Familien etwa wurde den Erwachsenen eingeschärft, dass immer auch ein Elternteil im Lager anwesend sein muss, selbst wenn die Kinder im Hort bzw. der Schule sind. Die Anwesenheit wird elektronisch erfasst. Damit ist es also auch nicht möglich, dass der Vater seine Frau zu ÄrztInnen begleitet. Könnte man um eine Ausnahmeerlaubnis fragen? Ziemlich sicher! Ist die Familie derzeit zu eingeschüchtert und kleinlaut? Klar, aus nachvollziehbaren Gründen.

Nein! Ja! Vielleicht! Doch! Aber! Jein! Uff! Och! Mit diesen Ausrufen lassen sich die Rückmeldung zu unseren nun schon über zwei Monaten andauernden Bemühungen um ein Kirchasyl zusammenfassen. Und diese Ausrufe sind noch Ausdruck von Engagement, viel öfter haben wir auch nur bedauerndes Schulterzucken erlebt. Wir können deshalb nun recht frei von der Leber weg darüber sprechen, weil ein etwaiger Gang ins Kirchenasyl den Behörden zeitgleich mitgeteilt würde. Ein Untertauchen oder ein Entfernen aus dem Zugriff der Staatsgewalt steht nicht zur Debatte. Und obwohl wir einige unermüdliche Verbündete im Erzbistum gewonnen haben, ist ein für die Familie angemessener Platz nach wie vor in der Schwebe. Ein Platz in einem verlassenen Klostergebäude scheitert an zaudernden, übervorsichtigen Ordensschwestern, die aus der Ferne Bedenken äußern. Zimmer in einem von der Caritas genutzten Haus scheitern vorerst an Zweifeln der Leitung, ob die Räumlichkeiten in dem Haus langfristig wirklich passend sind. So sehr wir auch verstehen, dass Entscheidungen abgewogen werden müssen und Schnellschüsse auch nach hinten losgehen können, so sehr ist auch der Wunsch vorhanden, endlich mal zu wissen, woran man ist.

Und bis es endlich Klarheit und auch ein wenig Sicherheit gibt, werden wir auch weiter jeden Morgen einen bangen Blick auf WhatsApp werfen, ob der Vater bereits online war oder sich gar mit einer kurzen Sprachnachricht („Good morning, Christoph. Here is XXX. How are you today? Everything good here, nothing new.“) gemeldet hat. Es ist ein bisschen frustrierend, ihm antworten zu müssen, dass man selbst auch keine Neuigkeiten zu berichten hat. Obwohl man sich den gesamten Abend zuvor wieder mal mit Klinkenputzen in Form von Mails um die Ohren geschlagen hat…

Ihr wollt die Familie unterstützen? Wir bitten darum! Die nächste Rate für die Anwältin ist auch bald wieder fällig…
https://paypal.me/pools/c/8bGgRrOR2c

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